28: Vaterschaftsurlaub

Dear Swiss people,

Ich sehe mich gerne als einigermassen abgebrüht. Zynisch, pessimistisch, immer auf der Suche nach dem Haar in der Suppe. Nur stellt sich dann leider gelegentlich raus, was für ein naives, gutgläubiges Ding ich doch eigentlich bin. Stellt euch vor: Ich scrolle vorhin gemütlich über die NZZ-Homepage und sehe dabei diese Überschrift:

Bildschirmfoto 2015-04-25 um 12.28.27

Ihr werdet’s nicht glauben, aber ich albernes Huhn dachte mir dann: „Ach toll! Ein Artikel darüber, wie Männern von Seiten des Staates die Chance verwehrt wird, sich als gleichwertiger Elternteil an der Kinderbeziehung zu beteiligen, ohne finanzielle Nachteile zu riskieren. Sicherlich fordert die Autorin eine längere Elternzeit auch für Väter! Tolle Sachel.“ (Anmerkung der Autorin: Hahahaha. Not.)

Und zunächst sah die Sache noch ganz vielversprechend aus. Autorin Nadine Jürgensen beschreibt die zwiespältige Situation, in der sich vormals gleichberechtigte Partner nach der Geburt ihres Kindes befinden, wenn die Frau für mindestens 14 bezahlte Wochen zuhause bleibt und ihr Partner wieder Vollzeit arbeitet:

So vergehen die Monate, und es bilden sich Gewohnheiten. Die Mutter kennt die Vorlieben und die Eigenheiten des Kindes, der Säugling hat sich nur an die Mutter gewöhnt, und die Bindung zwischen den beiden wird so eng, dass sich manch ein Vater ausgeschlossen und hilflos fühlt.

Ein Lösungsvorschlag scheint auf der Hand zu liegen: Hätten Väter denselben Anspruch wie Mütter, könnte man sich die Zeit aufteilen, sich womöglich abwechseln, und es käme wohl nicht zu den beschriebenen Ressentiments. Frauen müssten sich nicht sorgen, in die Rolle des zuständigen, weil erfahreneren Elternteils gedrängt zu werden und sich für immer von ihrer Karriere zu verabschieden. Und gerade für getrennte Paare, verwitwete/alleinerziehende Väter, gleichgeschlechtliche Partnerschaften scheint eine solche Lösung unumgänglich. Dass der Vorschlag von zwei Wochen einer Beleidigung gleichkommt und zudem wenig effizient erscheint, sieht auch Jürgensen:

Zwei Wochen Vaterschaftsurlaub? Mit Verlaub, das ist ein Witz und reicht bei weitem nicht aus, damit Väter eine Bindung zu ihren Kindern aufbauen oder eine aktivere Rolle in der Familie einnehmen könnten. Es mag eine Starthilfe sein, mehr nicht. Was passiert nach diesen beiden Wochen? Wer meint, bloss zwei Wochen Vaterschaftsurlaub würden das traditionelle Rollenbild aufbrechen, der irrt.

Und hier schlägt der Artikel um. Denn was Frau Jürgensen eigentlich will, ist eben keine Gleichberechtigung im Bereich Elternzeit. Weit gefehlt!

Die heutige Familienpolitik kennt ein Leitthema: Gleichstellung. Alle sollen gleiche Rechte und Pflichten haben, Mütter und Väter, Schwule und Lesben, Kinder von Unverheirateten und Kinder aus Regenbogenfamilien. Auch der Vaterschaftsurlaub ist eine Forderung, die den Vätern die gleichen Freiheiten wie den Frauen einräumen soll. Daran ist nichts falsch, solange nicht der Staat für die Freiheit aufkommen muss, die sich im Grunde jeder Vater schon heute nehmen könnte. Arbeitgeber sollten den Vätern zudem die gleichen flexiblen Arbeitsmodelle zugestehen, die für Mütter selbstverständlich sind. Ein freiwilliger Vaterschaftsurlaub liesse sich problemlos via Sozialpartnerschaft durchsetzen und könnte Arbeitgeber attraktiver machen.

Äh. Bitte? Also mal ganz langsam. Wir haben bereits festgestellt, dass Männer kein gesetzlich verankertes Recht auf bezahlten Vaterschaftsurlaub haben. Üblich ist gerade mal 1 bezahlter Tag Urlaub zur Geburt des Kindes, manche Unternehmen wie die SBB zeigen sich extra grosszügig und spendieren direkt eine ganze Woche. Im Gegensatz dazu stehen Müttern 14 bezahlte Wochen zu. Und noch mehr: Die ersten acht Wochen nach der Geburt dürfen die Mütter (im Arbeitnehmerverhältnis) nicht einmal beschäftigt werden. Ist das also ist diese „Freiheit, die sich im Grunde jeder Vater schon heute nehmen könnte“? Dass Männer etwas von ihren Arbeitgebern einfordern könnten, auf das sie kein Anrecht haben? Welcher junge Familienvater wäre wohl bereit, seine Arbeitsstelle zu riskieren und via Gewerkschaft einen einsamen Kampf um dieses Privileg zu führen? Und wieso sollte sich das bei jedem Fall wiederholen müssen? Was ist an einer gesetzlichen Regelung wirklich auszusetzen? Zudem scheint Jörgensen der fixen Idee aufgesessen zu sein, dass jedes Kind von einem Vater und einer Mutter aufgezogen wird. Dies verwirrt besonders, weil sie doch andere Familienkonstellationen erwähnt, ohne dann allerdings darauf einzugehen.

Wenn es so einfach ist, dem Chef mehrere Monate Elternzeit aus den Rippen zu leiern, warum ist dann der Mutterschaftsurlaub nicht auch unreguliert?  Anscheinend hat man hier die Notwendigkeit einer Regelung eingesehen. Vielleicht sind Frauen schutzbedürftiger als Männer? Allgemein ist es eine ganz perfide Idee zu glauben, man sollte den Staat aus dem Sozialen raushalten und am besten alles alleine aushandeln. Genau für solche Angelegenheiten wie die Absicherung von Sozialleistungen gibt es ihn gerade. Wer sich gegen diese als Einmischung deklarierte Sicherung ausspricht, stellt die ganze Existenz des Sozialstaates in Frage. Die Tendenz dazu mag besonders in der Schweiz und in Amerika momentan salonfähig sein. Vielleicht sähen es einige Menschen wirklich gerne, dass alles dereguliert und der Logik des Wettbewerbs unterworfen wird. Vielleicht denken tatsächlich viele, es ist nicht wünschenswert, dass Schutzmechanismen wie Arbeiterrechte, Sozialhilfe, Invalidenversicherungen und eben auch Mutterschutz bewahrt werden.

Wer dieser Meinung ist, bitte. Es klingt auch zu verlockend. Jeder ist seines Glückes Schmied, man will ja nichts geschenkt und so weiter. Natürlich steht es jedem frei, sich Frau Jürgensens neoliberalistischer Logik anzuschliessen und jede Art von Regulierung als Beschränkung von Freiheiten zu sehen.

Wie ein Vater und eine Mutter ihre Elternschaft definieren, soll nicht neuen Gesellschaftsnormen unterworfen werden, die vermeintliche Freiheiten bringen, aber letztlich bloss neue sozialstaatliche Diktate sind.

Vergessen wir dabei aber eines nicht: Diese „Freiheit“ kommt mit einem hohen Preis. Man entzieht sich nicht nur dem vermeintlichen Diktat einer Autorität, sondern verzichtet gleichzeitig auf deren Schutz vor Ausbeutung durch den freien Markt. Ja, Väter sollten ebenso wie Mütter in Erwägung ziehen, Teilzeit zu arbeiten und ja, sie können und sollen um ihre Rechte kämpfen. Dass sie sich dabei jedoch nicht auf eine juristische Grundlage beziehen können, ist grotesk.  Zudem ist es nicht gerade eine besonders diktatorische Form von Bevormundung, wenn man allen Eltern erlaubt, ihr Kind aufzuziehen, anstatt nur manchen. Wer den Mutterschaftsurlaub bewahren möchte, aber den Vaterschaftsurlaub ablehnt, sollte sich jedenfalls ein paar bessere Argumente überlegen.

6 Kommentare

  1. Kalurac · · Antwort

    Wieder einmal ein guter Kommentar von Ihnen. Danke

    Auch wenn die Zeiten (Mitte der 80er) anders waren, möchte ich die Geschichte meines Vaters erzählen:
    Nach dem Platzen der Fruchtblase rief meine Mutter ihren Gatten auf der Arbeit an, um ihm mitzuteilen, dass das Kind jetzt dann bald komme. Nervös und gehetzt sagte er seinen Arbeitskollegen, dass er jetzt (früher Nachmittag) zu seiner Frau fahre. Das Kind kam aber erst am nächsten Tag zur Welt, worauf mein Vater diesen Tag bei meiner Mutter blieb.
    Am Ende des Monats erfuhr er, dass der halbe Tag – an dem das Kind eben nicht geboren wurde – von seinen Überstunden abgezogen wurde. Es war ja nicht der Geburtstag des Kindes!
    Rechtlich war es wohl korrekt, aber meine Eltern empfanden das als bodenlose Frechheit.

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    1. Wow, das ist wirklich herzlos. Vielen Dank für die Geschichte und den netten Kommentar.

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  2. Wow, ich könnte es nicht besser sagen ;o) – ein toller Blog den Sie hier führen und auf den ich Dank Michéle Binswanger aufmerksam wurde…sie vermutete nämlich mich dahinter, was mich enrom schmeichelt. aber zurück zum Thema:
    Zum Kinderkriegen braucht es – in der Regel – einen Mann und eine Frau. Sind die Kinder aber mal auf der Welt, scheinen vielerorts hauptsächlich die Mütter zuständig zu sein. In allen
    Institutionen wo kleine Kinder anzutreffen sind (Spielplatz, Spielgruppe,
    Eltern-Kind-Turnen, Eltern-Kind-Singen,…) findet man (in der Schweiz und in
    Österreich, für andere Länder kann ich nicht sprechen) jedoch fast
    ausschliesslich Mütter. Väter kaufen sich frei und Mütter halten ihnen zu diesem Zweck den Rücken frei. Warum ist das so und, ist das sinnvoll?

    Mütter stellen somit v.a. für KMU Betriebe ein höheres Risiko dar, da sie – sobald sie schwanger werden – häufig für längere Zeit ausfallen und somit grösser Kosten verursachen. Mein Vorschlag dem entgegenzuwirken und eine politische Gleichstellung von Mann und Frau am Arbeitsmarkt zu gewähren: Ein verpflichtender Vaterschaftsurlaub von min. 4 Monaten (2 Wochen sind in der Tat lächerlich) – und ebenso ein verpflichtender Mutterschaftsurlaub von 4 Monaten.
    Dieser Elternurlaub sollte staatlich finanziert sein und niemand sollte sich
    hier freikaufen können! Nur so wäre das finanzielle Risiko v.a. für KMU in der
    Männer/Frauenfrage gleich und Quoten würden sich erübrigen. Ob das, was die Arbeitswelt zu bieten hat, dann wirklich so viel sinnvoller ist, als dieses
    gleichförmige (und häufig sehr einsame) Putz-Wasch-Schrei-Beruhig-Pfleg-Koch-Räum-Spiel das die ersten Lebensjahre eines Kindes in der westlichen Kleinfamilie mit sich bringen, sei dahingestellt…

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  3. Wow, ich könnte es nicht besser sagen ;o) – ein toller Blog den Sie hier führen und auf den ich Dank Michéle Binswanger aufmerksam wurde…sie vermutete nämlich mich dahinter, was mir enrom schmeichelt. aber zurück zum Thema:
    Zum Kinderkriegen braucht es – in der Regel – einen Mann und eine Frau. Sind die Kinder aber mal auf der Welt, scheinen vielerorts hauptsächlich die Mütter zuständig zu sein. In allen
    Institutionen wo kleine Kinder anzutreffen sind (Spielplatz, Spielgruppe,
    Eltern-Kind-Turnen, Eltern-Kind-Singen,…) findet man (in der Schweiz und in
    Österreich, für andere Länder kann ich nicht sprechen) jedoch fast
    ausschliesslich Mütter. Väter kaufen sich frei und Mütter halten ihnen zu diesem Zweck den Rücken frei. Warum ist das so und, ist das sinnvoll?

    Mütter stellen somit v.a. für KMU Betriebe ein höheres Risiko dar, da sie – sobald sie schwanger werden – häufig für längere Zeit ausfallen und somit grösser Kosten verursachen. Mein Vorschlag dem entgegenzuwirken und eine politische Gleichstellung von Mann und Frau am Arbeitsmarkt zu gewähren: Ein verpflichtender Vaterschaftsurlaub von min. 4 Monaten (2 Wochen sind in der Tat lächerlich) – und ebenso ein verpflichtender Mutterschaftsurlaub von 4 Monaten.
    Dieser Elternurlaub sollte staatlich finanziert sein und niemand sollte sich
    hier freikaufen können! Nur so wäre das finanzielle Risiko v.a. für KMU in der
    Männer/Frauenfrage gleich und Quoten würden sich erübrigen. Ob das, was die Arbeitswelt zu bieten hat, dann wirklich so viel sinnvoller ist, als dieses
    gleichförmige (und häufig sehr einsame) Putz-Wasch-Schrei-Beruhig-Pfleg-Koch-Räum-Spiel das die ersten Lebensjahre eines Kindes in der westlichen Kleinfamilie mit sich bringen, sei dahingestellt…

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    1. Vielen Dank für den lieben Kommentar und die Infos! Und auch für das Tweeten von Links 🙂
      Das Ungleichgewicht ist tatsächlich sehr problematisch. Ihre Ideen leuchten mir sehr ein, vielen Dank auch dafür.

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  4. […] Männern. Allerdings gibt es nur sehr wenige von ihnen. Und die Umstände sehen nicht rosig aus. Wie es um den Vaterschaftsurlaub in der Schweiz steht, wissen wir ja bereits. Und das Stigma um Krippen für Kleinkinder ist auch nicht gerade ohne. Reden wir gar nicht erst von […]

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