50: Hassrede ist keine Satire

Dear Swiss people,

 

Vergangenen Sonntag, am 3. April, hat die vermeintliche Satiresendung Giacobbo/Müller mit ihrem Beitrag über die Namensänderung der SP Frauen in SP Frauen*  den transphobischen Vogel gründlich abgeschossen. In einer völlig unhaltbaren Art und Weise wurden in diesem Segment Transmenschen verunglimpft und entmenschlicht.

 

Die Reaktionen blieben leider entmutigend. Trotz der deutlichen Kritik etwa vom Transgender Network Switzerland scheint eine Mehrheit darauf zu pochen, dass alles, was sich Satire schimpft, ohne Rücksicht auf Verlust im öffentlichen Fernsehen gegen Randgruppen schiessen darf und eventuell im Namen der Gleichberechtigung sogar soll.

 

Ich lehne diese Einschätzung ab.

 

Erstens vertrete ich die Ansicht, dass Satire als notwendiges Element immer die Kritik an herrschenden Missständen in sich tragen muss. Satire ist, was den Status Quo, die vorherrschenden Zustände in Frage stellt. Die platte Wiederholung von entwürdigenden Stereotypen ist nicht subversiv, sie kann nichts bewegen. Vielmehr erhält sie das unterdrückende Verhältnis aufrecht. Das bedeutet, dass die irreführende und diffamierende Verspottung einer bisher nicht völlig integrierten und etablierten Gruppe nicht Satire sein kann.

Zweitens ist es klar, dass auch Satire nicht alles darf. So gerne manche Leute auch Tucholsky zitieren; es gibt Rechtsgrundsätze, die Menschen vor Diffamierung und Verleumdung schützen.

 

Ich füge euch hier den Text meiner offiziellen Beschwerde bei der Ombudsstelle SRG Deutschschweiz ein. Ich bin mir sicher, es ist nicht die Einzige, die dieser Tage geschrieben wurde, und sicherlich sind viele von klügeren und bewanderteren Köpfen verfasst, besonders natürlich von Betroffenen. Es ist sicherlich von Vorteil, wenn viele Stimmen auf das Unrecht hinweisen, dass der Transgemeinschaft zugefügt wurde. Verlangen wir also offiziell Genugtuung für unsere Mitmenschen. Das Zeitfenster zur Beanstandung beträgt 20 Tage nach Ausstrahlung der Sendung.

Hier findet ihr alle nötigen Informationen für eine Beanstandung bei der Ombudsstelle:

https://www.srgd.ch/uber-uns/ombudsstelle/

 

 

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Betreff: Beschwerde über Transphobie bei Giacobbo/Müller, 3. April 2016
Guten Tag!
Ich möchte hiermit eine Beschwerde über die transphobischen Bemerkungen in der am Sonntag, den 3. April 2016, ausgestrahlten Sendung von Viktor Giacobbo und Mike Müller einreichen. Dabei kam es neben der Verwendung von als Hate Speech einzustufenden Begriffen und diffamierenden Äusserungen auch zu vermehrter und wohl bewusster Fehlinformation über Transmenschen.
Anlass zu dem Segment war die Umbenennung der Gruppe SP-Frauen, die fortan von einem Sternchen begleitet SP-Frauen* heissen soll. Vorgeblich geschah diese Änderung, um auch Transfrauen und nonbinäre Menschen einzuschliessen. Der Beitrag beginnt etwa ab Minute 21 der Aufzeichnung. Hier die einzelnen Punkte des Anstosses:
1. Der Beitrag wurde illustriert durch ein Bild der Kunstfigur Conchita Wurst, die von Sänger und Travestiekünstler Thomas Neuwirth verkörpert wird. Gemäss wiederholten eigenen Angaben, identifiziert sich Herr Neuwirth nicht als trans, sondern bezeichnet die Auftritte als Conchita dezidiert als Travestie. Durch die Engführung von Transidentität und Travestie entsteht der falsche Eindruck, Transmenschen spielten lediglich eine temporäre Rolle, die sie nach Bedarf ablegen können und wären mit Travestiekünstlern gleichzusetzen. Übernommen wurde das Bild aus der Berichterstattung der Zeitung 20min, allerdings ohne den falschen Eindruck zu korrigieren. Zudem wird die von trans Aktivistin Mia Willener (Transgender Network Schweiz) geäusserte Kritik an der Namensänderung, die im Artikel von 20Minuten klar ausgedrückt wird, in keinster Weise erwähnt.
2. Die Idee von Herrn Giacobbo, es müsse fortan „das SP“ heissen, damit sich alle angesprochen fühlen, ist ebenfalls herablassend und unpassend. Viel zu oft wurden und werden Transmenschen als „das“, nicht menschlich, „weder noch“ oder ähnliches bezeichnet, als dass eine solche Verdinglichung harmlos gemeint sein könnte.
3. Der Kommentar von Herrn Giacobbo, die SP müsse ihr Logo von „ja“ zu „jein“ ändern, da man ja nicht wisse, ob „Transen“ eindeutig Männer oder Frauen seien, ist beleidigend und irreführend. Zunächst ist es irrelevant, ob „man“ die Genderidentität eines Menschen kennt, da es sich hierbei um eine private Angelegenheit handelt. Ausserdem ist es den allermeisten Transmenschen sehr wohl klar, wie sie sich identifizieren, weshalb sie grade das Label „trans“ wählen. Die Ablehnung einer Identifizierung als Mann oder Frau (ob trans oder cis) ist eher mit Begriffen wie „non-binär“, „nicht-binär“ oder „gender-queer“ zu bezeichnen. Dass etwa Transfrauen Frauen und Transmänner Männer sind und sich auch so bezeichnen, wird hier vom Tisch gewischt und unterschlagen und als Unentschlossenheit diffamiert.
4. Die Spekulation von Herrn Giacobbo darüber, was unter diesen Umständen „bei einem Parteitag so abgehe“, ist ebenfalls diffamierend, da sie impliziert, dass mit der Anerkennung von Transidentitäten eine Form von Sittenverfall oder Dekadenz einhergeht. Zudem impliziert er wiederholt, es ginge um sexuelle Orientierung, was schlicht nicht der Fall ist.
5. In seinem Kommentar über den „einfachen SP-Arbeiter“ von früher implizierte Herr Müller zunächst, Transmenschen seien ein neues, mitunter frivoles Phänomen und mockiert sich über diese neumodischen Probleme. Dies ist als historische Behauptung grundsätzlich abzulehnen. Zudem impliziert dies, Transmenschen wären keine „einfachen Arbeiter“. Hier wäre es zumindest nötig gewesen, auf die Diskriminierung von Transmenschen hinzuweisen, die in der astronomischen Arbeitslosenquote von um die 20% resultiert.
6. Die Verwendung des Begriffes „SP-Transe“ ist abscheulich und unhaltbar für einen öffentlichen Fernsehsender. Zunächst ist trans ein Adjektiv, kein Nomen, und mittlerweile dürfte absolut jedem bewusst sein, dass es sich bei „Transe“ um ein Schimpfwort ranggleich mit Ausdrücken wie „Schwuchtel“ handelt, weshalb es mir unbegreiflich ist, dass so etwas kommentarlos gesendet werden durfte.
7. Unhaltbar ist zudem der ebenfalls von Herrn Müller formulierte Gedanke, die „SP-Transe“, aka Transfrauen, müsste sich überlegen, ob sie bereits „operiert genug“ seien, um zum Urinieren zu sitzen.
a. Der Status der Transfrau hat nichts mit dem Aussehen ihrer Genitalien zu tun.
b. Auch cis Männer sind sehr wohl in der Lage, im Sitzen zu urinieren und tun dies häufig.
c. Operationen, ob im Intimbereich oder anderswo, sind nicht zwingend mit der Transidentität verbunden, sondern eine persönliche Entscheidung.
d. Die häufig qualvolle Körperdisphorie, die mit einer Transidentität einhergehen und mitunter durch operative Eingriffe gelindert werden kann, ist kein Anlass für Scherze. Die unvorstellbar hohe Suizidrate von 40-60% unter Transmenschen, gerade Jugendlichen, sollte das wohl mehr als deutlich machen.
Es kann unmöglich behauptet werden, es handle sich bei diesem Beitrag um Satire. Zunächst ist es unverantwortlich, ein Thema, über das die allgemeine Bevölkerung bisher ungenügend aufgeklärt ist, mit so viel Missinformation in Verbindung zu bringen. Zweitens richtet sich Satire stets gegen die vorherrschenden Zustände und kritisiert die Mächtigen. Dies ist hier eindeutig nicht der Fall. Nicht nur, dass alte Vorurteile und mehr als negativ besetztes und veraltetes Vokabular verwendet wird, es wird auch noch eine benachteiligte Randgruppe ohne Chance auf Gegenwehr aufs Korn genommen und öffentlich entmenschlicht.
Eine der grössten Sendung des öffentlichen Schweizer Fernsehens hat sich hier in Ton-, Wort- und Themenwahl völlig vergriffen und sich durch Gehässigkeit gegenüber benachteiligten und schutzbedürftigen Menschen zu profilieren versucht.
Ich erwarte daher eine Entschuldigung an die Betroffenen und eine Rüge der Verantwortlichen durch den Ombudsmann.
Mit freundlichen Grüssen
XXX
Im Folgenden finden Sie eine Liste von Links mit Beiträgen von LGBTQIA-Gruppen, die sich ebenfalls mit der Geschmacklosigkeit dieser Sendung auseinandersetzen.

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