29: Die schöne Maske der Unsicherheit

Dear Swiss people,

Bildschirmfoto 2015-04-27 um 22.14.44

Man darf die Augen nicht vor dem Leid anderer Menschen verschliessen. Es gibt Leute auf dieser Welt, die sind innerlich so zerfressen von ihren Unsicherheiten und Ängsten, dass sie ihre Stellung als stellvertretender Ressortleiter Kultur beim Tagi dazu zu benutzen, ihre Bitterkeit zum Ausdruck zu bringen. So zum Beispiel Philippe Zweifel.

Dem Philippe geht es nicht so gut. Er hat nämlich ganz schlimme Angst davor, von Frauen „eiskalt“ zurückgewiesen zu werden. Und diese Horrorvorstellung ist bei ihm derart extrem ausgeprägt, dass er sich an einem humorvollen und selbstkritischen Artikel von Esther Meyer in der Sonntagszeitung aufhängt und darüber einen einigermassen wirren und aggressiven Artikel verfasst.

Schaut, der Philippe ist nämlich nicht so gut im Leseverständnis. Sonst wäre ihm wohl aufgefallen, dass seine wenigen inhaltlichen Kritikpunkte Meyers Text grundsätzlich missverstehen und/oder ignorieren.

So zum Beispiel hier:

Die Unfähigkeit einiger Damen, zwischen Galanterie und Sexismus zu unterscheiden, ist verblüffend. Sowieso scheint sich der Emanzipationsgedanke beim Flirten noch nicht vollständig durchgesetzt zu haben. Wie wärs, wenn Frauen auch mal den ersten Schritt machen?

Eine super Idee! Es flirtet sich direkt viel leichter, wenn sich beide Seiten bemühen. Und weil das so eine tolle Idee ist, hat Frau Meyer die natürlich auch schon gehabt.

Und jetzt soll mir keiner kommen mit «Hättest ja auch du den ersten Schritt machen können!». Ich bin sehr pro Ersten-Schritt-Machen, 2015-Emanzipation und so. Ich habe auch schon Dialoge gestartet, die dann aber wie eine Wasserquelle in der Sahara versiegt sind.
Naja, sowas überliest sich ja leicht. Unser Autor findet aber auch, diese Frau Meyer ist ja selber schuld, wenn sie auch immer so gemein ist, wenn Leute sie ansprechen.

Was mit den Männern los sei, fragte Esther Meyer gestern in der «SonntagsZeitung» und beklagte auf zwei Seiten die fehlende Flirtwilligkeit der Zürcher Männer. Die Antwort ist simpel: Die Wahrscheinlichkeit, eiskalt abgewiesen zu werden, liegt für Zürcher Männer bei ca. 99 Prozent. Sogar Meyer, die offenbar auf Männersuche ist, gesteht: Als sie im Coop von einem Mann angesprochen wurde, habe sie schnippisch reagiert und ihn am Regal stehen lassen.

Der Bedauernswerte wird wahrscheinlich niemals wieder eine Frau ansprechen – ausser er ist ein «Balkan-Macho». Aber die sind den Zürcherinnen ja auch nicht genehm.

Das klingt aber auch gemein! Da muss sich die Tante aber nicht wundern, wenn sie keiner heiraten will. Sowas! Wobei…In ihrer Darstellung sieht die Sache aber leicht anders aus:

Ich wurde vor einigen Jahren von einem jungen Herrn im Coop angesprochen. Ich war so verwirrt, dass ich zürcherisch schnippisch reagierte. Ein paar Gestelle weiter war mir das a) peinlich, wollte ich ihm b) zu seinem Mut gratulieren und ihn c) ermuntern, nicht damit aufzuhören, auch wenn er sich mit der Limmatstadt ein hartes Pflaster ausgesucht hat. Ich hab ihn leider nicht mehr gefunden. An dieser Stelle: Chapeau, Jüngling vom Coop an der Höschgasse.
Aha, das war vor ein paar Jahren, und sie hat sich für ihre Unhöflichkeit geschämt und direkt versucht, das wieder gut zu machen? Da hat der Philippe der Dame aber ein bisschen Unrecht getan, nicht? Und woher nimmst der eigentlich diese Statistik über die 99%? Vielleicht könnte er uns ein bisschen mehr über die Erhebung erzählen? Die Leute könnten sonst denken, er übertreibt, weil er hier persönliche Ablehnungen verarbeitet. Der Kommentar mit den Balkanmachos war nun wirklich nicht fein. Aber es lässt sich halt nur schwer scherzen, wenn man sich vom Thema betroffen fühlt. Wie sich auch hier zeigt:
Denn die Zürcher Frau sieht den Flirt als Angriff. Er verunsichert sie. Sie denkt: Was will der von mir? Seinen Penis in mich reinstecken?
Im wahrsten Sinne des Wortes ein Witz unter der Gürtel Linie. Der Gute muss so erbost gewesen sein, dass ihm nicht mal aufgefallen ist, dass die Kombination von „Angriff auf Frau“ und „Penis in sie reinstecken“ womöglich etwas nach sexueller Gewalt klingen könnte.  Das Feingefühl beim Thema Übergriffe geht ihm auch hier abhanden:
Ausserdem gäbe es wohl viele Männer, die gerne einmal als Sexobjekte behandelt würden.
Eine lustige Bemerkung. Es gibt sicher eine ganze Menge Männer, die gerne darauf reduziert werden, andere Leute zu befriedigen, ohne ihr Einverständnis zu erteilen oder selbst daraus Befriedigung zu ziehen, um dann deshalb wirtschaftlich, emotional und sexuell ausgenutzt zu werden. Ganz sicher. Deshalb fühlen sich heterosexuelle Männer auch stets geschmeichelt, wenn sie von Schwulen in der Umkleide begutachtet und angemacht werden. Die wissen halt, wie man Komplimente annimmt. Und weil ja eben Flirten auch überhaupt nichts mit Sexualität zu tun hat, sondern viel eher eine „Alternative zum deprimierenden Small Talk“ darstellt, ist der Philippe da auch ganz offen mit dem Flirten. Selbst dann, wenn „das Gegenüber nicht nach dem eigenen Geschmack aussieht.“ Und warum sollte man das machen?
Das Karma wirds einem verdanken.
Weil jeder weiss, wer mit unattraktiven Menschen flirtet, wird vom Schicksal belohnt.
Ihr Lieben. Ihr seht, der arme Herr Zweifel ist innerlich sehr aufgewühlt von der Thematik. So aufgewühlt, dass ihm glatt entgangen ist, dass er in die ganze Zeit gegen eine Sicht der Dinge ankämpft, die Frau Meyer gar nicht vertritt.
Kein Feuer, keine Annäherungsversuche: Interessanterweise klingt das Lamento von Esther Meyer über Zürichs Männer ähnlich wie meines über die Zürcher Frauen. Zürcher und Zürcherinnen scheinen dasselbe Problem zu haben. Ein Wunder, dass sie sich überhaupt fortpflanzen.
Es scheint fast so, als wäre er nicht weit über den Titel rausgekommen, denn im Gegensatz zu dessen provokanter Form „Männer, was ist mit euch los?“ schlägt Meyer im Text selber viel differenziertere Töne an:
Deshalb: Es muss an der Stadt liegen. An den Bewohnern, den männlichen wie auch weiblichen. Es wird lieber dem Geld hinterhergerannt, als sich um Zwischenmenschliches gekümmert.
Fassen wir zusammen: Zweifel wirft Meyer vor, nicht die Initiative zu ergreifen, Männer harsch abzuweisen und die Schuld für die Flirtproblematik im männlichen Geschlecht statt in dem spezifischen Zürcher Verhalten aller Bewohner zu vermuten. Wie er auf diese Ideen kommt, ist nicht klar, jedenfalls nicht von Meyers Text. Er hat sich also die ganze Mühe gegeben, eine Widerlegung von Aussagen zu verfassen, die gar nicht vorliegen. Man muss schon sehr verbohrt sein, um sich derart in die Bekämpfung eine imaginären Opposition zu verrennen.
Das kann einem schon leid tun.

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