37: „Schweizerdeutsch ist awesome!“

Dear Swiss people,

 Schweizerdeutsch

Das Thema Mundart sollte man ja als Ausländer lieber grossräumig umfahren. Nach all den Jahren, die ich mit dem Studium der Sprachwissenschaft verbringen durfte, hat’s mir aber beim neuen kult-Artikel von Yonni Meyer ein bisschen zu sehr in den Fingern gejuckt, als dass ich das hätte durchgehen lassen können. Neben dem theoretischen Training kann ich mich auch empirisch auf 11 Jahre Feldforschung zum hiesigen Sprachgebrauch stützen und darf daher mit Fug und Recht behaupten, dass Meyers Artikel oberflächlich und schönfärberisch verfasst und äusserst ungenau recherchiert ist. Dafür, dass sich Meyer so gerne auf ihren akademischen Background beruft und anscheinend auch Sprachwissenschaften studiert hat, sollte sie es eigentlich besser wissen.

Behauptung 1: „Wir haben keine feste Grammatik.“

Immer gerne behauptet, aber grundsätzlich falsch. Zunächst einmal gibt es freilich nicht DAS Schweizerdeutsch. Es gibt viele Schweizerdeutsche Dialekte, die der Familie der alemannischen Dialekte zuzurechnen sind, wie etwa auch jene aus Süddeutschland oder Österreich. Diese Zuteilung erfolgt durch strukturelle Ähnlichkeiten der Dialekte. Diese Gemeinsamkeiten können Bereiche wie Aussprache, regionale Ausdrücke und eben auch Grammatik betreffen, etwa in der Art der Pluralbildung oder in dem Umgang mit verschiedenen Zeiten.

Worauf Meyer wohl anspielen will, ist, dass die Grammatik „des“ Schweizerdeutschen nicht kodifiziert wude und auch nicht normativ gelehrt wird. Das heisst, obwohl es deskriptive, also beschreibende Werke über die Schweizer Dialekte gibt, wird nicht eine Version als Standart gelehrt und etwa durch Schulbücher (Kodizes) vermittelt. Daher gibt etwa in der Rechtschreibung zahlreiche Varianten, so kann man etwa „xeh“ und „gseh“ schreiben, ohne dass eine Version als falsch gälte.

Obwohl die Spielregeln des Schweizerdeutschen also durch den Verzicht auf eine schriftliche Fixierung flexibler sein mögen als die einer Hochsprache, existieren sie dennoch. So weiss jeder, der die Sprache beherrscht, dass man im Schweizerdeutschen wie im Hochdeutschen die Möglichkeit hat, die Satzstellung etwa von „ich ha dich gseh“ zu „gseh han ich dich“ umzustellen, wenn man etwas anderes im Satz betonen möchte. Und genau so erkennt jeder, dass etwa die Variante „ich gseh ha dich“ falsch ist. Und das, meine Lieben, nennt man dann Grammatik.

Behauptung 2: „Wir haben nur eine Vergangenheitsform.“

Es stimmt, dass es keine einfache Vergangenheit (Präteritum) in Schweizerdeutschen Dialekten gibt, ausser es handelt sich um Lehnübersetzungen, also Übernahmen aus dem Hochdeutschen oder etwa um altmodische Formen. Was es allerdings gibt, ist eine Form der Vorvergangenheit, die allerdings anders gebildet wird als das standartdeutsche Plusquamperfekt. Wenn ich mich also erkundige, warum Peter nicht mit seinen Freunden gegessen hat, als er bei ihnen gestern Abend vorbeiging, würde er mir auf Hochdeutsch vielleicht antworten „Ich hatte schon gegessen gehabt“, aber auf Schweizerdeutsch würde er eine Form der doppelten Vergangenheit (passé surcomposé) verwenden und womöglich erwidern: „ich ha schon gässe gha.“

Behauptung 3: „Kein Dialekt ist einem anderen irgendwie überlegen – vielleicht bis auf die Verständlichkeit. Wir machen das nicht absichtlich, liebe Walliser. Klingen tut es schön, man versteht’s halt einfach nicht immer sofort.“

Ahja? Sind wirklich alle Dialekte gleich in der Schweiz? Zum einen ist es ja schon mal bezeichnend, dass nur das Schweizerdeutsche immer soviel Beachtung erfährt und nicht etwa die Tessiner Varianten des Italienischen und die Eigenheiten des Schweizer Französisch. Vom Räteromanischen mal ganz zu schweigen – wie immer. Das allein zeugt schon von einer unglaublichen Hegemonie einer der vier Landessprachen. Was ist das für ein Patriotismus unter dem Banner der Schweizerkreuzes, der sich nur auf einen Teil der Schweizer Identität bezieht und dem Rest der Bevölkerung verwehrt bleibt?

Und als jemand, der das Schweizerdeutsche als „Fremdsprache“ gelernt hat und regelmässig Zeit mit Mitgliedern der sehr grossen Zürcher Wallisergemeinde verbringt, ist es für mich offensichtlich, dass Walliserdialekte nicht von Grund auf schwieriger zu lernen oder zu verstehen sind. Man ist nur weniger vertraut mit ihnen, weil ihnen kein Platz eingeräumt wird. Gerade in der Stadt spottet man häufig über ländliche Dialekte oder gibt vor, sie nicht zu verstehen. Und wer hat noch nie gehört, dass jemandem vorgeworfen würde, sein/ihr Dialekt habe sich nach zu langer Zeit in oder um Zürich zu sehr an das verhasste Zürdütsch angepasst? Natürlich werden Dialekte anderen gegenüber bevorzugt in der Schweiz, man schaue nur auf Fernsehen und Rundfunk, dort wird klar, dass bei überregionalen Formaten eine Handvoll Dialekte dominieren.

Ich weiss, dass Meyer dafür bekannt und auch berühmt wurde, diese super optimistischen, stark inhaltlich reduzierten Artikel zu verfassen. Was ihre grundsätzlichen Ansichten angeht, stimme ich ihr meist auch zu. Was ich allerdings nicht vertrage, ist, wenn Sachverhalte derart grob zusammengefasst werden, dass sie dadurch an irreführend oder schlicht falsch grenzen und die Leute nicht informieren, sondern lediglich oberflächlich unterhalten oder emotional berühren sollen.

Genau aus diesem Grund habe ich diesen Blog auch gestartet, denn auch gute Absichten können durch schlechte Ausführung von ihrem eigentlichen Ziel abweichen. Ich weiss, dass Meyer und andere Journalisten nicht viel von Leuten halten, die „andere auseinander nehmen, anstatt selber was zu schaffen.“ Ich vertrete allerdings die feste  Meinung, dass kritisches Lesen und ein bewusster Umgang mit Texten und anderen medialen Produkten eine sehr wichtige Arbeit für jeden Einzelnen darstellen. Wir können nicht einfach alles, was uns vorgesetzt wird für bare Münze nehmen, ohne es zunächst zu hinterfragen.

Und genau darum geht es mir hier; ich will nicht die Arbeit von anderen zerstören. Wie auch? Was ich hier tue, hat keinen Einfluss auf ihre Bezahlung oder ihren Ruf. Ich möchte allerdings Möglichkeiten aufzeigen, wo der Leser nachhaken kann, wenn er will. Ich möchte Vorschläge machen, wie man mit kritischem (nicht bösartigem) Blick an Texte rangeht. Ich weiss, einige nennen das, was ich hier mache negativ oder bezeichnen als Sezieren. Für mich ist es eher ein Teil des produktiven Prozesses, ein Anstoss zum Überdenken von festgefahrenen Mustern und Argumentationsweisen. Sezieren kann man nur, was tot ist. Die Artikel, mit denen ich mich hier befasse, sind aber keine unantastbaren Leichen und ihre Verfasser sind keine Gottheiten. Genau dasselbe gilt für alles, was ich hier schreibe.

Ich erdreiste mir nicht zu glauben, ich könnte nicht mehr dazu lernen, oder dass jeder meiner Sätze unhinterfragt geschluckt werden müsse.

Texte sind keine Leichen. Sie sind nicht tot und unberührbar, sondern sollten wandelbar und lebendig bleiben, um ihren eigentlichen Zweck zu erfüllen, nämllich den Menschen dienlich zu sein.

8 Kommentare

  1. Alex Flach · · Antwort

    Anstatt immer nur Fazite zu Yonnis Texten wär’s doch schön, wenn Du selbst kreativ würdest. Evenutell gelingt es Dir dann das Reachgefälle zwischen Dir und Yonni ein wenig auszugleichen (sie: zigtausende, du: kein Dutzend). So wirkt dieser Blog halt tatsächlich nur wie ein verzweifelter Schrei nach Aufmerksamkeit, gekoppelt an Neid auf jemanden der gelesen wird.

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    1. Vielen Dank für das Feedback! Ich würde jetzt 2 von 37 Posts nicht grade als “immer” bezeichnen, aber das ist vielleicht Ansichtssache. Im Gegensatz zu Yonni Meyer bin ich weder eine Autorin, noch Journalistin und betreibe diesen Blog auch nicht hauptberuflich. Deshalb habe ich auch gar nicht vor, mit ihr oder ihren Leserzahlen zu konkurrieren. Was du Kreativität nennst, wirst du hier wohl deshalb leider nicht finden, weil ich nicht darin geschult bin und das auch nicht mein Ziel ist. Wie du sicher weisst sind auch nicht alle Kritiker immer Filmemacher oder Schriftsteller. Ich bleibe da deshalb auch lieber bei meinen Leisten.

      Jedenfalls Danke für’s Lesen!

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    2. Das gute alte Neidmanöver: Kritik an Autorinnen ist Neid auf deren Reichweite, Kritik an den Verhältnissen ist Neid auf die Gewinner, Kritik sollten überhaupt bittschön nur diejenigen üben, die eh schon einverstanden sind. Oder es noch besser lassen, denn Kritik ist ja nicht „kreativ“.

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      1. Alex Flach · ·

        Ich weiss nicht genau was du beruflich machst oder welcher Leidenschaft Du in Deiner Freizeit nachgehst (bei Yonni ist es ja ein Mix; dieser Text war Hobby, da nicht bezahlt). Aber was ich mit ziemlicher Sicherheit sagen kann ist, dass Du weder bei Hobby noch bei Beruf auf unaufgeforderte Kritik von Leuten stehst, die dasselbe tun wie du. 🙂

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      2. Alex Flach · ·

        ….aber mit der Neidkeule hast du trotzdem recht…. zu meiner Verteidigung; ich habe nicht gesagt dass es so ist, sondern nur, dass es so aussieht.

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  2. Alex Flach · · Antwort

    Hier ist es etwas anders als bei Musikern/Regisseuren und ihren Kritikern… sie ist Bloggerin, du bist Bloggerin. Bloss Eure Plattformen sind andere.

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  3. Alex Flach · · Antwort

    Auch ist Yonni keine „ausgebildete Journalistin“: Für die meisten ihrer Texte kriegt sie kein Geld. Sie ist also tatsächlich eine Bloggerin wie Du.

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  4. Kalurac · · Antwort

    Sie schreiben: „Zum einen ist es ja schon mal bezeichnend, dass nur das Schweizerdeutsche immer soviel Beachtung erfährt und nicht etwa die Tessiner Varianten des Italienischen und die Eigenheiten des Schweizer Französisch.“

    Diese Aussage kann ich nicht unterschreiben! Es ist selbstverständlich, dass man sich primär mit den Nuancen seiner Muttersprache in seiner Heimat befasst. In der Schweiz interessiert man sich wenig für die deutschen oder österreichischen Dialekte. (Die sich übrigens auch extrem voneinander unterscheiden!) Und von deutscher Sicht her, sprechen alle Scheizer Schweizerdeutsch.
    Ein Franzose hingegen kennt verschiedene Dialekte im Französischen, betrachtet das schweizer Französisch als bäuerlich und verunglimpft die Frankokanadier. Es gibt auch keinen allgemeinen australischen Dialekt. Trotzdem wird deren Englisch als sehr charmant bezeichnet.

    Sie sehen, dass man das wohl in jeder Sprachregion ähnlich ist. In den Medien oder am Stammtisch in der Romandie werden sicher Nuancen des Französchien diskutiert und über die Unterschiede zwischen St. Gallen und Basel schert sich niemand.

    Die Kritik ist nicht ungerechtfertigt, kann aber nicht alleine an Deutschschweizer geäussert werden. Auch die Westfalen verhalten sich so 😉

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