36: Slutshaming bei Minderjährigen

Dear Swiss people,

 Mitschüler

Wisst ihr, was mega witzig ist? Frauen sind entweder frigide oder Schlampen. Hahahahahahahha. Hi.la.ri.ous.

Das dachte sich wohl kult.ch Schreiberling Dominik Hug, als er auf die glorreiche Idee kam, seine mittlerweile fünfteilige Serie „Mitschüler, die du in jeder Klasse findest“ zu starten. Anscheinend hat Hug noch so ein bissl ein Trauma aus Schulzeiten, das er auf diesem Wege zu bewältigen versucht. Anders lassen sich diese plumpen und peinlichen Witze auf dem Niveau von 14-Jährigen kaum erklären.

Schon von seinen männlichen Mitschülern hält Hug wohl nicht besonders viel. Er empfiehlt grosszügig, sie zu verprügeln, wenn sie einem nicht passen, etwa weil sie Latein können, reich sind, oder Hemden tragen. Was ja wahnsinnig witzig ist, weil Mobbing freilich kein Problem ist an Schulen und man darüber scherzen sollte, dass manchen Kindern – denn über Kinder sprechen wir hier eigentlich – das Leben jahrelang zur Hölle gemacht wird. Auch rassistische Untertöne dürfen hier natürlich nicht fehlen:

Der Stinker
Speziell in der Sommerzeit will garantiert keiner neben dem Stinker sitzen. Du kannst den Geruch nicht wirklich identifizieren. Ist es Gewürz? Oder ein spezielles Parfum aus dem schönen Kontinent Indien? Halte dich vom Stinker fern. Oder dein Leben stinkt bald auch zum Himmel.

Hahahaha. Gewürze. Indien. Stinken. Jaja. Ein literarisches Meisterwerk. Besonders auffällig wird dieser Verweis auf das Klischee des stinkenden Ausländers durch die Tatsache, dass mit „dem Ungewaschenen“ noch ein weiterer übelriechender Eintrag existiert. Aber keine Sorgen, bei DEM liegt klar auf der Hand, dass es nur an reinem, Schweizer Schweiss aus dem Turnunterricht liegt.

Die meisten männlichen Stereotype auf Hugs Liste sind weitestgehend harmlos. Wenn man sie nicht verprügeln muss, sind Jungs ganz easy. Manchmal haben sie Hobbies wie Sport oder Filme.

Um einiges unangenehmer wird es dann bei den weiblichen Einträgen. Gerade mal 2 der 14 aufgezählten Klischees (die Anarchistin und die Dumme) kommen ohne irgendeine Form von slutshaming oder anderer sexistischer Herabwürdigung aus.

Hier ein paar Leckerbissen:

Die Klassenmatratze
Sie scheint sehr bequem zu sein, denn jeder ist in seiner Schulzeit schon auf ihr gelegen. Die Klassenmatratze ist nicht sehr wählerisch, oft angeheitert und hat offensichtlich nicht viel Selbstwertgefühl, denn sonst hätte sie es nicht mit dem, oder dem, oder schon gar nicht mit dem da drüben getrieben.

Man kennt das ja, diese minderjährigen Mädchen, die gerne mal innerhalb von etwa vier Jahren Kantizeit (ich hoffe jetzt mal, wir sprechen von dieser Altersklasse, sonst überkommt mich jetzt schon der Würgreiz) mit absolut ALLEN vorhandenen männlichen Lebewesen schlafen. Das wären dann so bei einer Klassengrösse von etwa 22 SchülerInnen mit etwa zwei Klassen pro Jahrgang ohne Einbeziehen der anderen Altersstufen gut 22 Jungs bei einem gemischten Verhältnis. Da statistisch gesehen für junge Frauen zwischen 15-20 im Durschnitt 4 Geschlechtspartner angenommen werden, dürften wir diese Behauptung wohl in den Bereich der „amüsanten Übertreibung“ einordnen. Nur, dass es nicht amüsant ist und einfach nur herablassend und abwertend.

Entzückend von Herrn Hug, dass er sich um das Selbstwertgefühl dieser Mädchen sorgt, weil sie es ja mit so ekligen Typen treiben. Mir kommen fast die Tränen.

Auch hier darf eine gute Prise Rassismus natürlich nicht fehlen:

Die geile Latina
Wenn sie das Klassenzimmer betritt geht die Sonne auf. Sie riecht so richtig gut, wie ein frisches Rosenmeer, in welches du am liebsten Reinspringen und alle Blümlein rausrupfen und dir in die Nase stopfen würdest. Sie ist zudem gekleidet in die engsten Jeans des Alpha Quadranten und ihre Rundungen sind ganz klar der Hauptgrund, warum ihr Männer alle keine Sechserschüler seit. Ja, die geile Latina verdreht euch allen so dermassen den Kopf, dass ihr das fehlende Gehirn, den RTL-Wortschatz und die effektiv fragwürdige Zukunft komplett ausblendet. Aus der geilen Latina kann später sogar was werden. Wie sie sich jedoch in höheren Positionen in Firmen manövriert bleibt euren Phantasien überlassen.

Hach ja, die gute, alte Übersexualisierung von Latinas. Die sind nämlich, wie jeder weiss, dumm, aber sexy. Ein so abgeschmacktes Thema, dass man sich fast fragen sollte, ob was dran ist. Oh, warte, das sollte man natürlich nicht, weil es mega zum Kotzen ist und man sich ohnehin fragen sollte, warum ein erwachsener Mann von Berufswegen über „geile“ Schülerinnen schreibt. Aber das „bleibt euren Phantasien überlassen“. Ihr wisst schon, die Phantasien die ihr momentan über Minderjährige habt. Enjoy.

Aber keine Sorge, auch Intelligenz bewahrt ein Mädchen natürlich nicht vor Sexismus.

Die Streberin
Sie lernt und lernt und lernt. Ihr Humor ist sehr spärlich ausgeprägt und wie genau nun das romantische Liebesleben mit ihrem Freund denn aussehen soll weiss auch keiner. Denn wohl selbst beim Liebesspiel legt sie ihre Bücher nicht weg. Streberinnen sind unbeliebt und für Männer komplett uninteressant.

Wie ihr Liebesleben aussieht, weiss keiner. Und warum auch? Was um alles in der Welt geht das denn bitte irgendjemanden an? Aber sicher was mit Büchern. Smart bitches love books. Dafür sind sie unbeliebt und keiner will sie flachlegen. Tragisch so was. Natürlich stellt sich Hug zu keinem Zeitpunkt die Frage, ob sich denn jeder und jede wirklich für Heterosexualität interessiert. Was gibt’s besseres als unhinterfragte Heteronormativität. Aber es gibt auch noch andere Frauen, die man(n) nicht flachlegen will. Obwohl man natürlich könnte.

Das Landei
Sie ist redet (sic) wie ein Bauer, kleidet sich entsprechend und hört Schlager. Sie ist der coole Kumpeltyp aus dem Oberland und man hat sie gerne um sich herum. Einfach weil wie so easy ist. Nur will sich keiner an sie ranmachen, denn eine DJ Ötzi-singende und SVP-wählende Freundin will sich wirklich niemand antun.

Deine Verehrerin
Sie ist der Grund, warum du Montage jetzt noch mehr hasst als früher. Schon beim Betreten des Klassenzimmers wirst du von ihr bewundert. Sie checkt deinen Arsch ab sobald du aufstehst und lässt dir stets kleine Zettelchen mit Herzen oder Smileys zukommen. Unsere Empfehlung um sie loszuwerden: Werde peinlich für sie. Wasche dich nicht mehr, putze dir nicht die Zähne und suche ab sofort extra ihre Nähe. Ihre Liebe zu dir wird schneller vergehen als du Eau de Cologne sagen kannst.

Wäre das jetzt dieses „Friendzoning“, von dem man schon soviel gehört hat?

Just saying.

Jede einzelne Eigenschaft oder Angewohnheit der Schülerinnen muss von Hug irgendwie in den Dreck gezogen werden, so etwa Sportlichkeit.

Die Sportlerin
Ohnen sie ist der Sportunterricht nichts wert. Sie ist durchtrainiert, sieht gut aus und schlägt gerne das Rad. Und eigentlich bist du nur deshalb im Sportunterricht. Weil du hoffst, dass sie beim Radschlagen dereinst vergisst das T-Shirt in die Hosen zu stecken, damit du einen kleinen Busenblitzer erleben darfst. Du Schwein du!

Wenn heterosexuelle Jungs wirklich derart unkontrollierbare, triebgesteuerte Tiere sind, sollte man sich wohl zu ihrem eigenen Wohl überlegen, sie in Internate zu stecken. Und ihnen möglicherweise das Wahlrecht und den Führerschein vorzuenthalten, bis sie sich etwas besser im Griff haben. Man kann so emotionalen, hormongesteuerten Menschen einfach keine Verantwortung zumuten.

Und zu guter Letzt noch eine Hauch von Wie-man-Frauen-schon-früh-Hass-auf-ihre-Körper-einredet:

Die Haarige
Ihre Haarfrisur ist ein riesiger Busch. Ihre Arme, dunkel bewaldet, ähnlich wie Bigfoot. Die Beine, haarig wie die von südländischen Fussballern. Und wo sie sonst noch so Haare hat bleibt hoffentlich für immer eurer Phantasie überlassen.

Haare! AUF ARMEN. Man stelle es sich nur mal vor. Wo kämen wir denn da hin? Lieber gar nicht erst spekulieren. Stellen wir uns lieber die gehaarten Genitalien dieser imaginären Minderjährigen vor. Aaaaaaaah, schon viel besser.

Fazit:

Ich weiss nicht, was Hug zu diesem widerlichen Geschreibsel bewegt hat oder warum kult das Gefühl hat, das wäre in irgendeiner Art und Weise edgy und provokativ und vielleicht sogar witzig. Wenn ein erwachsener Mann aus irgendeinem verqueren Groll heraus das Gefühl hat, sich über Minderjährige sexuell herablassend lustig zu machen und das auch noch mit so vielen Tipp- und Grammatikfehlern, kann ich das nur als erbärmlich und widerwärtig bezeichnen.

7 Kommentare

  1. Dominix28 · · Antwort

    Mein Gott..

    Das ist ein Kult.ch Blogeintrag

    Man kann es mögen oder nicht.

    Aber man muss es ja nicht gerafe derart sezieren.

    Gruss

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  2. Doch doch das muss man sezieren.
    Nur so findet man den Fehler. (Wenn man denn will.)
    Schade dass immer noch so viele denken der Status Quo müsse erhalten bleiben trotzdem sich so viele für einen Wandel einsetzten.

    Gefällt 1 Person

  3. einsetzen. (Entschuldigung)

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  4. Kalurac · · Antwort

    Das ganze ist gar nicht so schlimm, wie es schein. Herr Hug – wenn ich freundlicherweise diese Anrede verwenden darf, obwohl er sie nicht verdient – hat ja geschrieben, dass man sich keine SVP-wählende Freundin anlachen will. Somit schreibt er gar nicht über Minderjährige, was die ganzen Fantasien und Beleidigungen harmlos werden lässt. NOT!

    Es stimmt zwar, dass man immer wieder ähliche Menschen in seinem Leben trifft. Das kann durchaus auch charmant und witzig in einem Blog thematisiert werden. Sobald Rassismus, Sexismus oder Elitärdenken den Tonus bestimmt, ist das ganze zu unterlassen. Ich weiss nicht wie oft ich nur in den wenigen Ausschnitten den Kopf auf die Tischplatte schmettern musste.

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  5. Mannick · · Antwort

    Ich denke Ihnen ist entgangen dass es sich hierbei um Satire handelt. Hierzu gehören völlige Übertreibungen und Überspitzungen, was das ganze auf seine eigene Art komisch macht – jedoch nicht voll ernst zu nehmen ist und auch nicht genommen werden soll. Wenn Ihnen diese Form literarischer Kunst nicht zusagt, dann lesen Sie bitte keine Artikel aus Blogs oder Zeitschriften die dieser Kunst eine Plattform bieten. Informieren Sie sich zukünftig besser, bevor sie derart beleidigend und herablassend über etwas/jemandem sprechen, das/den SIE missverstehen. Beste Grüsse, M.

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    1. Erstmal vielen Dank für’s Lesen!
      Nun ist es so, dass nicht jede Art von Übertreibung oder Überspitzung, so amüsant sie für manche sein mag, Satire ist. Satire soll herrschende Machtpositionen in Frage stellen; ihre Angriffe richten sich daher gegen die Starken und nicht gegen die Schwachen. Minderjährige mit sexuell abwertenden und teils rassistischen Beschreibungen zu versehen, stellt den Status Quo nicht in Frage und gehört daher nicht in den Bereich der Satire.
      Eher könnte man hier mit dem Begriff der Parodie arbeiten. Will der Text die Stereotypen auf die Spitze treiben? Vielleicht. Aber zu welchem Zweck? Und selbst ein ehrenwerter Zweck heiligt die Mittel noch lange nicht. Die Kunst der Satire, von der Sie reden, verliert ihre gesellschaftliche Funktion, wenn sie sich ihrer Verantwortung und auch der Kritik verschliesst.

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  6. Inchen DeGeorges · · Antwort

    „briel doch“ habe ich als „das pausenhof opfer“ mehr als nur einmal gehört… immer schön draufhauen und mobben das hässliche entlein…
    … heute bin ich stark, selbstbewusst und schön.

    über artikel wie der von herrn hug amüsiere ich mich, schliesslich hat ein bisschen derber humor noch niemandem geschadet. besonders klischee-töpfchen sind super, da kann man sich herrlich über linke, rechte, schwarze, weisse, grüne und hinterwälder lustig machen, – natürlich stets ethisch inkorrekt.

    gerne würde ich mich noch etwas hochgestochener und philosophischer ausdrücken, doch leider fällt mir kein satz mit „status quo“ oder „parodie“ ein und zudem sollte ich mal wieder zurück an die arbeit, deshalb hier ein härzig und lieb gemeintes: „briel doch“ und lach mal wieder :).

    ps. meine ehemalige mitschülerin „die klassenmatraze“ hat heute 5 kinder von 3 männern… true story!

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