12: Tidjane Thiam

Dear Swiss people,

Ich trau dem Braten auch noch nicht so ganz, aber es scheint, als müsste ich die 20 Minuten für ihren Umgang mit Rassismus loben. Ich weiss, es klingt verrückt! Also, loben zumindest im Vergleich zum Tagesanzeiger. Okay, da sind die Ansprüche vielleicht nicht die höchsten, aber trotzdem. Bei der heute verkündeten Ernennung von Tidjane Thiam zum neuen CS CEO sah es von NZZ über Tagi und 20min bis watson ziemlich gleich aus. Will heissen gleich übel. Jetzt wollen wir uns aber nicht mit dem albernen „Elfenbeinküste? Wo isn das? Sicher nicht im Aargau!“, „Warum keinen Schweizer?!1!!!11“ oder „Oh my god you guuuuuys, spricht der überhaupt irgendwie Europäisch?“ aufhalten. Viel bezeichnender ist doch, wie die entsprechenden Newsportale mit dem Follow-up umgegangen sind.

Und hier kommen wir eben zum merkwürdigen Teil. Die 20 Minuten, nicht grade der Inbegriff von kritischem Denken, entschied sich für diesen Folgeartikel:

Tidjane Thiam, CS CEO

„Droht ihm das auch in der Schweiz?“, fragt die 20min. Und so verrückt das auch klingen mag: Es folgt tatsächlich eine ernsthafte und ehrliche Antwort! Zunächst eine direkte Bezugnahme auf ungebührliche Leserbeiträge:

Die Neuigkeiten über seine Berufung zogen teils erschreckende Leserkommentare nach sich.

Und bei besonders fürchterlichen Beispielen erfolgt sogar eine entsprechende Reaktion des Redaktionsteams:

Diesen Kommentar hat 20 Minuten inzwischen gelöscht.

Es wird noch besser! Daraufhin lässt die 20min Thiam selbst zu Worte kommen und zitiert dessen eigene Diskriminierungserfahrungen aus früheren Interviews. Selbst gegen die Einschätzung eines befragten HR-Experten, der die Ansicht vertritt, Hautfarbe spiele in der Schweiz keine Rolle, wendet sich der Artikel direkt und betont:

Doch das bedeutet nicht, dass es keinen Rassismus gibt.

Huiiii. Kein „Bei uns gibt’s sowas nicht“, keine Trivialisierung von Thiams Erfahrung mit Rassismus, aber dafür direkte Kommunikation über die Moderation von Leserkommentaren? Wo sind wir denn hier gelandet? Einziger Kritikpunkt wäre wohl die Verwendung des Begriffs „farbig“. Leider gibt es für das englische POC (person of colour) anscheinend keine gelungene deutsche Entsprechung und so einen Terminus von der 20min zu verlangen, wäre etwas gar utopisch. Die Ankläge an „coloured people“ und Kolonialdiskurs sind trotzdem unerfreulich. Im Falle von Thiam wäre die durchgängige Verwendung von „schwarz“ empfehlenswerter gewesen. Da ich aber annehme, dass mit „der erste farbige Chef“ allgemein „der erste nicht weisse Chef“ gemeint ist, handelt es sich um ein verhältnismässig kleines Vergehen. Solide Leistung, Laura Frommberg von 20min!

So leicht kommt mir der Tagesanzeiger aber nicht davon. Im Gegensatz zur 20min, die sich aufgrund geschmackloser Lesermeinungen entschieden hat, diese Einzudämmen und ein paar klare Worte zu sprechen, holte sich der Tagesanzeiger lieber noch ein paar mehr Zitate frisch vom Volk. Zunächst einmal kommt es mir einigermassen absurd vor, Leute auf der Strasse nach ihrer Meinung zum neuen CS CEO zu befragen. Das ist ja hier schliesslich kein Wunschkonzert. Oder wie eine deutsche Freundin von mir fassungslos bemerkte: „Bei uns befragt auch keiner das Volk, wenn der Chef bei Daimler wechselt.“ Tatsächlich ist die Überidentifizierung mit einheimischen Firmen eine Schweizer Spezialität, die auch der Tagi gerne bedient. In einem Kurzinterview geben drei Zürcher Herren, die im weitesten Sinne mit Finanzen zu tun haben, Auskunft über ihre Meinung zum neuen CEO. .

Umfrage CS CEO

Der nette Herr, der auf dem Still zu sehen ist, erzählt gut gelaunt, er hätte den Namen erst einmal googlen müssen, wie viele andere sicher auch. Seine morgendliche ‚Entdeckung‘ kommentiert er im Tonfall milder Überraschung: „Oh, das ist ja ein Farbiger! Das find ich mutig.“* Ja. Das find ich auch mutig. Nicht ganz so mutig, wie so was vor laufender Kamera vor sich hin zu plappern, aber easy. Alles in allem sind die drei Herren dem Neuling einigermassen gewogen und sind gespannt auf dessen künftige Tätigkeiten. „Der neue Chef spricht wenigstens Deutsch“ ist wohl so der Grundtenor. Und für dieses seichte, uninformative und knapp nicht beleidigende Geplänkel musste jetzt unbedingt ne Umfrage veranstaltet werden? Ungenügend, Tagi, setzen!

Und ich muss mich auch erstmal setzen, nach so viel Lob an eine ungewohnter Stelle.

*Anmerkung der Autorin: Ich habe mir erlaubt, das Gesagte ins Hochdeutsche zu übersetzen. Ich hoffe, dass dabei keine feineren sprachlichen Nuancen verloren gegangen sind.

ein Kommentar

  1. […] wird’s gruselig. Nachdem sich 20min schon im Umgang mit Rassismus vorbildlich mit den eigenen Leserbeiträgen auseinandergesetzt hat, wiederholen sie diesen […]

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