8: Paulo Coelho

Dear Swiss people,

Mal ehrlich; woher kommt das Bedürfnis, alles Schweizerische mit Schaum vorm Mund und ohne Rücksicht auf Logik zu verteidigen, sobald irgendeine ausländische Kritik vernommen wird? Klar, gegen etwas defensiven Patriotismus sind wohl die wenigsten Leute gefeit, aber verdient deshalb etwa der Kundenservice der Swisscom solche emotionale Plädoyers?

Viele haben’s sicher gehört: Der berühmte (Kitsch-)Autor Paulo Coelho hat sich auf Facebook nach anscheinend monatelangem Ärger mit seiner Internetverbindung über Swisscom beschwert, diverse User boten ihm Hilfe an und kurze Zeit später scheint auch Swisscom selber auf die Diskussion aufmerksam geworden sein. Watson berichtete:

http://www.watson.ch/Front/articles/974527973-%C2%ABWenn-du-glaubst%2C-in-der-Schweiz-funktioniert-alles%2C-versuch-mal-Swisscom.-Erb%C3%A4rmlich!%C2%BB-Star-Autor-Paulo-Coelho-wettert-auf-Facebook

Paulo Coelho vs. Swisscom

Viel interessanter als die Frage, ob der Mann jetzt endlich sein Super-Luxus-Paket nutzen kann, ist allerdings ein Blick auf die Kommentare. Neben den freundlichen Hilfsangeboten und Beileidsbekundungen findet man eine ungleich grössere Zahl von lächerlich unhöflichen und wütenden Kommentaren von Leuten, die den Mann angehen, als ginge es um den BMI ihrer Mütter oder den Street Cred von Stress. Aufgrund der schieren Menge unglaublich bekloppter Kommentare seien hier nur zwei Beispiele aufgeführt:

Kommentar 1

Super message: „Dieses Land und Ihr Status verschaffen Ihnen viele Vorteile. Was DENKEN Sie sich dabei, die auch noch zu benutzen? Ausserdem ist Kritik dasselbe wie Respektlosigkeit. Also stfu.“

BTW: Sir schreiben, macht nicht alles besser. „No offense“ hätte es mehr getroffen. Nur so für’s nächste Mal.

Kommentar 2

Auch sehr schön: „Wir haben doch schon so viel. Das reicht ja wohl! Zum Beispiel gibt’s hier gar keinen Rassismus. NIE! Was wollen Sie denn noch? Den Service, für den Sie bezahlt haben? Wo sind wir denn hier?! Im Kapitalismus???“

Mal ganz abgesehen davon, dass es absolut absurd ist, dass Leute überhaupt auf die Idee kommen, den „Kundenservice“ der Swisscom zu verteidigen – ich meine, wer macht sowas? Höchstens jemand, der noch nie mit denen drei Stunden lang hat reden müssen -,  woher kommt diese Gleichsetzung von Kritik und Respektlosigkeit? Woher die Idee, dass Ausländer kein Recht haben, sich negativ über die Schweiz zu äussern? Wie kann man es vor sich selbst rechtfertigen, ein Unternehmen zu preisen, weil man mit der Firma ein Herkunftsland teilt? Die Absurdität der Idee, man müsse ein Land entweder ganz oder gar nicht schätzen, ist kaum in Worte zu fassen.

Ich nehme an, einen Autor wegen seiner – wohl berechtigten – Beschwerde auf seiner offiziellen Facebookseite dumm anzumachen, zählt nicht als Kritik. Und schon gar nicht als Respektlosigkeit. Hammer Logik.

ein Kommentar

  1. […] uns befragt auch keiner das Volk, wenn der Chef bei Daimler wechselt.” Tatsächlich ist die Überidentifizierung mit einheimischen Firmen eine Schweizer Spezialität, die auch der Tagi gerne bedient. In einem Kurzinterview geben drei […]

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