14: Datenblog

Dear Swiss people, Das Internet vergisst nie. Und das ist auch (meistens) gut so. Zum Beispiel in diesem Fall: Leider war ich die letzten drei Tage zu beschäftigt mit „richtiger“ Arbeit, um die eidgenössische Medienlandschaft im Auge zu behalten. Erfreulicherweise hat mir eine mediensüchtige Freundin eine hübsche Sammlung von Links geschickt. Als ich dann heute dazu kam, die zu sichten, fiel mir eine amüsante Diskrepanz beim Datenblog des Tagesanzeigers auf. Hier ein Screenshot des Links, den ich vor zwei Tagen erhalten habe:

"Zuwanderer verdrängen Schweizer"

„Zuwanderer verdrängen Schweizer“

Folgt man diesem Link, kriegt man folgende Meldung: Link not found. Verschwunden ist der Artikel allerdings nicht. Er ist immer noch vorhanden als Reinkarnation unter folgendem, verharmlosten Titel (mit der allerdings immer noch zweifelhaften URL „Wo die Ausländer wohnen): "Briten wohnen im Seefeld" Besonders schön, wenn beides beim Twitteraccount des Autors, Iwan Städler, aufeinandertrifft: Iwan Städler Twitter Ob die Artikel identisch waren oder ebenfalls umfrisiert wurden, kann ich nicht sagen. Aber die Botschaft hier ist schon klar genug: Es handelt sich nicht um ein simples Zusammentragen von Daten, sondern um eine Wertung: Reiche Ausländern verdrängen Schweizer aus den besten Lagen, Schweizer verdrängen arme Ausländer aus den schlechteren. Verdrängen ist kein neutraler Terminus. Genau so wenig wie der Begriff „Fremde“: "Fremde" So what, mag mancher sagen. Wenn’s doch so ist, das wird man ja wohl noch sagen dürfen. Klar, aber warum wurde der Titel dann geändert? Ganz einfach: Der Datenblog soll den Eindruck vermitteln, es handele sich hier um eine wertungsfreie Informationsquelle über Statistik. Eine neutrale Berichterstattung darüber, wie die Dinge nun mal sind. Das ist natürlich blanker Unsinn. Zum einen sind selbst in der Wissenschaft die Antworten, die man erhält, hauptsächlich Resultate der Fragen, die man gestellt hat. Die wiederum ergeben sich aus den vorgeformten Meinungen der ausführenden Forscher und anderer Scheuklappen. Wissen wird nicht in einem Vakuum produziert, sondern ist abhängig von den Institutionen und Individuen, die bei der Produktion mitwirken. Zum anderen handelt es sich um eine Wiedergabe der Ergebnisse des Bundesamts für Statistik, nicht um die primäre Quelle. Auch die Intentionen des Journalisten und die seines Arbeitgebers kommen ins Spiel. Die Forderung nach einem neutralen, wertungsfreien Journalismus ist naiv und unproduktiv, führt sie doch lediglich dazu, dass der individuelle Standpunkt des Verfassers verhüllt wird, um den Anschein von Objektivität zu wecken. Werfen wir doch einen Blick auf einen zweiten aktuellen Eintrag des Datenblogs: Gymiquote Frei nach dem Motto „Ausländer – anscheinend sind die nicht alle gleich“ präsentiert sich auch hier eine nur scheinbar wertungsfreie Abhandlung, diesmal über den Bildungsstandard. Der Leser lernt, dass es hier ein grosses Gefälle gibt. Der Grund dafür ist schnell gefunden: Statistik Gymi Klar, das ist sicher der einzige Grund. Nicht etwa, dass die ersten fünf Plätze von Herkunftsländern belegt ist, in der zumindest eine der Landessprachen gesprochen wird. Oder dass sich eben diese Plätze (mit Ausnahme Italien) ziemlich genau mit der ebenfalls zitierten Rangliste der höchsten Einkünfte deckt. Absolut fragwürdig ist auch, was die Nationalität der Universitätsprofessoren mit der Sache zu tun haben soll: Uni Profs Statistik Viel logischer wäre es doch, analog zu den Gymnasiasten nach der Anzahl der Studierenden in den jeweiligen Bevölkerungsgruppen zu fragen. Aber statt zu Logik greift Herr Städler lieber zur abgeschmackten Beschwerde über ausländische Professoren. Anscheinend ist es immer noch nicht in den Köpfen der Schweizer angekommen, dass Internationalität der Zweck einer Universität ist. Und dass es logischerweise in einem kleinen Land wie der Schweiz weder möglich noch wünschenswert ist, einen Grossteil der Dozenten aus den eigenen Reihen zu rekrutieren, wenn man irgendeinen Wert auf das weltweite Rating der Institution legt, aber fangen wir nicht damit an. Der Punkt ist: Die Verwendung von statistischen Daten macht einen Blog noch lange nicht wertungsfrei. Jede Form von Wissens- und Textproduktion ist abhängig von persönlichen Standpunkten und Scheuklappen. Kritisches Lesen und Denken sind die Grundlagen eines vernünftigen und produktiven Umgangs mit den Medien. Egal, wie objektiv sich eine Quelle geben mag.

ein Kommentar

  1. […] zum Thema “Zürich, deine Ausländer”. Natürlich unter der charmanten Leitung unseres Datenblog-Freundes und Hobby-Ethnologen Ivo, äh […]

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