40: Die bösen Akademiker

Dear Swiss people,

Screenshot Tagi

Immer wieder muss ich mich wundern, welche Ausmasse die Furcht vor einer vermeintlichen Akademisierung hierzulande annimmt. Anti-intellektuelle Äusserungen gehören zur Medienlandschaft Schweiz wie EU-Bashing oder hyperoptimistische Artikel über die Fussball-Nati.

Ständig liest oder hört man vom akademischen Filz, von universitären Skandalen und von dem dringenden Wunsch, die Zahl der Maturanden und Studierenden möglichst klein zu halten. Einerseits rühmt man sich gerne mit dem guten Abschneiden der Schweizer Hochschulen im internationalen Vergleich, andererseits werden Studierende und Mitarbeitende der Universitäten öffentlich verspottet und auf gehässige Weise als Feind des „normalen“ Berufstätigen dargestellt.

Wie wirksam diese Aufstachelungsstrategien sind, weiss jeder, der sich schon von Bekannten oder Verwandten hat anhören müssen, er oder sie wisse als „Studierter“ überhaupt nichts von der „wirklichen“ Welt und solle sich daher ja nicht laut über Politik oder Wirtschaft äussern. Leicht geht dabei vergessen, wieviele Studierende nebenher arbeiten (müssen) oder wieviele als Einzige in der Familie Familien eine Hochschule besuchen, wieviele politisch oder ehrenamtlich aktiv sind oder tatsächlich Wirtschaft oder Politikwissenschaft studieren und sich daher in diesen Gebieten auskennen (sollten).

Diese Mauer in den Köpfen findet sich im Übrigen nicht nur zwischen Professor und Maurer. Immer wieder habe ich etwa festgestellt, dass Maturanden auf einmal Manchetten voreinander haben, dass Fachhochschüler Verachtung und Herablassung von Uni- und ETH-Studierenden befürchten, dass alte Schuldfreunde neue Uni-Freunde nicht kennenlernen wollen, da sie „intellektuelle Debatten“ fürchten. Verwirrt habe ich bemerkt, wie oft Leute, mit denen ich zur Schule (Kanti) gegangen bin, halb entschuldigend, halb trotzig den Satz „Ich hab ja nicht studiert“ ins Gespräch einfliessen lassen, obwohl keineswegs von Nietzsche oder Quantenphysik die Rede war.

Was ich hingegen nicht kenne, ist das abfällige Verhalten von Studierenden gegenüber Arbeitstätigen. Das soll natürlich nicht heissen, dass es das nicht gäbe, allerdings erscheint mir die Idee einer generellen verächtlichen Haltung einigermassen unsinnig, da auch Hochschulabgänger früher oder später in den Arbeitsmarkt eintreteten müssen. Ein Hochschulstudium mag den Beginn der Vollzeitarbeit rauszögern, aber gegen das Prinzip der Lohnarbeit ist selbst den Phil I-Studis bisher noch nichts eingefallen.

Woher kommt also die Idee einer Feindschaft? Wie werden die beiden Zweige der Berufsbildung gegeneinander ausgespielt?

Nehmen wir beispielsweise diesen kurzen Kommentar von Dr. oec. Patrik Schellenbauer auf dem Politblog des Tagesanzeigers.

Der gibt zunächst vor, das schwierige Verhältnis der beiden Bildungswege zueinander zu beschreiben, kritisiert dabei jedoch hauptsächlich die Hochschulen und spricht ihnen nur sehr halbherzig Bedeutung zu.

Auf Seiten der Berufsbildung prangert man die Akademisierung an, und dies nicht ganz zu Unrecht. Braucht es zur Führung eines Schulkiosks mit niederschwelligem sozialem Präventionsangebot wirklich einen Hochschulabschluss in Sozialarbeit?

Braucht man wahrscheinlich nicht. Die Frage ist nur, was hat das mit den Hochschulen zu tun? Welches Interesse haben Universitäten daran, den Zugang zu Berufen zu verstellen? Vielmehr ist es der Zweig der Berufsbildung, der in den vergangen Jahren zunächst auf die Imitation akademischer Institutionen setzt und durch neue Qualifikationswege an Fachhochschulen im Bachelor-/Masterformat versucht, die Ausbildung aufzuwerten. Eine Strategie, die nur zu einem sehr schwer nachvollziehbaren Konkurrenzkampf führt und die Eigenständigkeit der Berufsausbildung zu untergraben droht. Schellenbauer sieht dies freilich anders und erklärt, diese Akademisierung zuvor praxisorientierter Berufe sei die Schuld der „Akademiker“ und damit Anlass für die Ressentiments ihnen gegenüber.

Und die Akademie? Sie versucht erst gar nicht, die Vorwürfe der Berufsbildung mit guten Argumenten zu entkräften. Viel schlimmer: sie straft sie mit Nichtbeachtung. Vor kurzem wurde ich vom Verband der Studierenden einer Schweizer Universität gefragt, ob ich in einem Zyklus zur Bildungspolitik eine Vorlesung halten würde. Auf dem Programm fehlte die Berufsbildung. Ich antwortete deshalb, dass ich etwas zur Berufsbildung beitragen würde, denn ohne diese könne man das Schweizer Bildungssystem nicht verstehen. Antwort erhielt ich keine, seither herrscht Funkstille. Mit den Niederungen der Berufslehre mag man sich an der Alma Mater nicht befassen.

Auch über dieses Argument muss ich mich sehr wundern. Schon allein die Rhetorik trieft nur so vor Verachtung: „die Akademie“, „Alma Mater“, „straft mit Nichtbeachtung“, „Niederungen des Berufslebens“. Von wem und für wen spricht Schellenbauer hier eigentlich? Während für die Vorwürfe gegenüber Akademikern Verständnis entgegen gebracht werden kann, wird hier den Hochschulen aus dem Verhalten einiger Studierender ein Strick gedreht. Auf der einen Seite steht „das Gewerbe“, das sich um die Zukunft des Landes sorgt, auf der anderen das für Schellenbauer unangemessene Verhalten von ein paar Leuten. Ein seltsames Missverhältnis.

Es ist interessant zu bemerken, dass Herr Schellenbauer seinen akademischen Titel unter diesem Beitrag nicht angibt, sehr wohl aber auf dem Profil des Think Tanks, für den er arbeitet. Allein genommen ist dies nicht weiter von Bedeutung, allerdings finde ich es auffällig, dass beispielsweise auch ein Dr. iur. Christoph Blocher, der gerne gegen die „Studierten“ und „Intellektuellen“ wettert, wenn man ihm eine x-beliebige unbequeme Frage stellt, seine eigene akademische Laufbahn gerne in den Hintergrund rückt oder gar ausblendet.

Wie etwa der Blick in diesem ungewöhnlich kritischen Artikel berichtet, tragen etwa 40% der SVP-Politiker akademische Titel, dies im Vergleich zu einem Landesdurchschnitt von etwa 15% Hochschulabgängern. Dass diese Zahlen zu einer Partei gehören, deren Mitglieder sich gerne als einfach Leute inszenieren und mit Vorliebe gegen Intellektuelle hetzen und sich von ihnen zu distanzieren möchten, ist einfach Hinweis darauf, dass Ressentiments in diesem Land kein Einzelfall sind, sondern Methode haben. Es ist eine wirklich bizarre Situation, wenn sich „heimliche“ Akademiker als einfache Leute aufführen, um den Berufstätigen einzureden, die „Studierten“ wollen ihnen schaden.

Wer wirklich an das duale Bildungssystem glaubt, muss auch beide Zweige unterstützen; wer sich was auf Uni-Rankings einbildet, und den Forschungsstandort Schweiz erhalten möchte, kann nicht dem akademischen Nachwuchs mit Verachtung begegnen und sich an der Vertiefung dieses Grabens beteiligen.

ein Kommentar

  1. Brigitte · · Antwort

    dein text spricht mir aus dem herzen! Habe als maturandin schon solche kommentare bekommen. Wurde nicht besser mit dem doktortitel 😉

    Gefällt 1 Person

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