46: Wohin des Weges, Helvetia?

Dear Swiss people,

Vielleicht liegt es an mir. Wer Geschichte studiert (hat), neigt leicht mal dazu, Muster zu sehen, Entwicklungen antizipieren zu wollen, (Schreckens-)Szenarien im Kopf durchzuspielen. Möglich, dass ich deshalb Warnzeichen sehe, wo sich bisher nur Konturen einer möglichen Zukunft abzeichnen. Aber je mehr ich sehe, lese und höre, desto mehr bin ich davon überzeugt, dass die Geschehnisse der letzten Jahre nicht anders als verhängnisvoll zu deuten sind.

Es mag Leute geben, die nicht in jedem Erfolg einer rechtspopulistischen Partei ( und bitte erspart mir alle Kommentare über das „bürgerliche“ Profil der SVP)  den drohenden Faschismus vermuten. Aber zu denen gehöre ich leider nicht.

Erstens ist mir einigermassen unmöglich, die deutsche „Nie wieder“- und „Wehret den Anfängen“-Haltung abzulegen, und zweitens muss ich mir in einem Land, in dem sehr gemässigte Linke regelmässig als „Linksautonome“ oder „Kommunisten“ verschrien werden, gar nix über Mässigung erzählen lassen. So.

Trotzdem kann es natürlich sein, dass ich mich irre. Dass der Blick auf die Vergangenheit die Gegenwart zu überformen droht. Und versteht mich nicht falsch; ich erwarte keinen Führer, keine Lager, keine Reinszenierung der Geschichte.

Denn, auch wenn es manchmal so scheinen mag, die Geschichte wiederholt sich nicht.

Wir sind bereits gewarnt vor charismatischen Persönlichkeiten, vor Tyrannen und glamourösen Figuren, vor „dem grossen Verführer“, wie Roger Köppel in seinem unten genauer kommentierten Editorial schreibt.

Kein Einzelner, nicht einmal Christoph Blocher, konnte/könnte hier die Macht an sich reissen.

Wir sind also sicher.

Oder?

Nahezu reflexartig wird dieser Tage bei jeder Gelegenheit die Souveränität und Entscheidungskraft des Volkes heraufbeschworen. Als vermeintlicher Schutzschild gegen eine mögliche Tyrannis.

Wie Toni Brunner in einem Moment der unerwarteten Ehrlichkeit während der letzten Arena-Sendung sagte; das Volk hat nicht immer recht, aber es hat das letzte Wort.

Wenn das Volk alles bestimmt, wofür braucht es dann ihn? Wofür das Millionenbudget seiner Partei in jedem Wahlkampf? Natürlich weiss auch Brunner, dass Politiker eine Funktion erfüllen. Aber wie viele Andere versucht er, sich der Verantwortung für sein Handeln zu entziehen, indem er die sich selbst die Bedeutung abspricht.

Der Rechtspopulismus braucht kaum noch Charakterköpfe, keine herausstechende Gestalten, wie der praktisch gleichzeitige Rücktritt von Blocher und Brunner beweist.

Politiker gefallen sich dieser Tage darin, sich zu Beamten zu erklären, die den Willen des Volkes lediglich umsetzen und verwalten.

Wenn alle verantwortlich sind, ist es keiner. Wenn das Volk regiert, sind die Politiker fein raus.

“The rule by Nobody is not no-rule,

and where all are equally powerless we have a tyranny without a tyrant.”

Hannah Arendt – On Violence.

Was heisst das für die Zukunft? Ich weiss es nicht.

Ich kann nur sagen, dass mir der Alltag oft und immer öfter kalte Schauer über den Rücken treibt. Und das natürlich nicht erst seit gestern.

  • Mich hat es vor 11 Jahren gegruselt, als ich die ersten SVP-Flyer in meinem Briefkasten fand, auf denen der Slogan „Die Gedanken sind frei“ Volksverhetzung verteidigen sollte. Worte, die seit Langem für den Kampf gegen Zensur und Unterdrückung stehen, wurden hier verwendet, um Hassreden zu schützen. Eine völlige Pervertierung des Textes jenes Liedes, das Sophie Scholl 1942 ihrem inhaftierten Vater vorspielte.

 

  • Oder als die Leute im Zusammenhang mit der Flüchtlingskrise wieder anfingen, im vollen Ernst und ungeachtet des Wahrheitsgehaltes den Satz „Das Boot ist voll“ zu benutzen. Als hätte das jemals gestimmt.

 

  • Und dann kam die Minarett-Initiative. Und die Masseneinwanderungsinitiative. Und die Ausschaffungsinitiative. Und die SVP schrammte knapp an der 30%-Marke vorbei.

 

  • Und Roger Köppel verfasste ein Editorial, das ihm anderswo eine Anklage wegen Holocaust-Leugnung eingebracht hätte. In seiner abscheulichen Erklärung, Göring sei „weder Monster noch Teufel“ gewesen, stösst er – vielleicht nicht zufällig- auf das Phänomen, dass Hannah Arendt bereits anlässlich des Prozesses gegen den NS-Verbrecher Eichmann beschreibt; das Böse ist banal.  Es trägt keine Hörner oder Male, es begegnet uns ins Menschen. Während Arendt damit aber zu keinem Zeitpunkt versucht, die Verbrechen des Nationalsozialismus zu rechtfertigen, verklärt Köppel einen der höchsten NS-Offiziere, ohne dessen Beteiligung am Holocaust auch nur zu Erwähnen. Das Böse mag menschlich sein und banal, aber das macht es nicht weniger verabscheuenswert.

 

 

  • Auf dem Weg zur Arbeit fiel mir heute morgen eine Anzeige auf.  In runenartiger schwarzer Schrift stand dort gross das Wort NEIN. Daneben eine Schwarzweissphotographie einer Menschengruppe. Nach einer kurzen Schreckenssekunde erkannte ich das Motiv als Beitrag der DSI-NEIN-Initiative eines Bündnisses diverser Parteien. Tatsächlich hatte ich den Schriftzug in den letzten Tagen wiederholt auf Ansteckbuttons gesehen.

 

Nicht zum ersten Mal greifen auch Mitte- oder Mitte-Links Parteien zu vorbelasteter Zeichensprache.

Anscheinend ist das eine Sprache, die das Volk versteht und der es zustimmt. Und auch, wenn es einigen auffällt, scheint es niemanden zu schockieren oder gar abzustossen. Auch sonst scheint mir die Reaktion auf die Tendenzen der letzten Jahre verhältnismässig schwach für das, was sie heraufbeschwören.

Vielleicht sind die Menschen von all dem schon zu abgestumpft, um sich von direkten Anspielungen auf den Nationalsozialismus noch schrecken zu lassen.

Daraus schliesse jeder, was er wolle.

ein Kommentar

  1. Leider muss ich Ihnen zustimmen. Man könnte fast sagen: „Die linken Jahre sind vorbei“. Wenn es jedoch nur die Schweiz wäre, die immer rechter wird, könnte ich mir mit dem Gedanken Mut zusprechen, dass die Nachbarländer einer zu drastischen Entwicklung entgegenwirken könnten. (Entschuldigen sie mir dieses leicht utopische Gedankengut.) Aber wenn man sich die AfD (Beatrix von Storch), PiS (Beata Szydlo), Front National (Marine LePen), Partij voor de Vrijheid (Geert Wilders) anschaut – um nur ein paar zu nennen – muss man sich eingestehen, dass Europa gesamthaft nach rechts marschiert.

    Wenn man das in einem Geschichtsbuch lesen würde, wäre ich sehr daran interessiert, wie das weitergeht, wann es eskaliert und wie es endet. Jedoch bin ich nicht scharf darauf, die Angelegenheit zu erleben… Mir schwant böses.

    Gefällt 1 Person

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