42: (Schul-)Sport ist Mord

Dear Swiss people,

Schulsport

Sportunterricht. Ein Wort, abertausend Albträume. Dass Schulsport sowohl als Unterrichtsfach als auch als Einführung in eine gesunde, aktive Lebensweise ein totaler Fehlschlag ist, ist ein schlechtgehütetes Geheimnis. Der Topos vom qualvollen Sportunterricht ist in unzähligen Highschool-Filmen oder Serien gut dokumentiert und durch Gespräche mit so ziemlich jedem Schulkind überprüfbar.

Und das ist natürlich nicht nur Schülern und Eltern sondern auch Lehrern absolut bewusst, wie aus diesem NZZ am Sonntag-Artikel von Réné Donzé hervorgeht:

Die Anekdote bringt auf den Punkt, was Sportlehrer oft erleben. «Die Mädchen haben dreimal im Monat die Mens und die Buben mindestens zweimal.» So habe sein damaliger Turnlehrer in der Schule einmal gescherzt, erzählt Marc Müller, Präsident des Berufsverbandes der Haus- und Kinderärzte Schweiz.

Und gegen dieses Problem möchte nun der Schweizer Verband für Sport in der Schule (SVSS) etwas unternehmen. Also gegen die Absenzen. Nicht dagegen, dass irgendwas am Sportunterricht schon verdammt falsch laufen muss, damit sich so viele Schüler regelmässig davor drücken wollen.

Allerdings scheint man sich ohnehin nicht so sicher zu sein, ob die Gebrechen der Kinder überhaupt ernst zu nehmen sind.

Hier eine Auswahl ambivalenter Stellen aus dem Artikel:

Keine Ausreden mehr
Sportlehrer wollen malade Schüler nicht mehr ganz vom Turnen freistellen, sondern ihnen spezielle Übungen geben. Die Hausärzte und der Bund unterstützen das.
(…)
Das Problem ist also nicht neu: Wer keinen Sport treiben mag, sucht Ausreden. Und wem der Lehrer nicht glaubt, der holt sich ein Arztzeugnis: «Die Nachfrage nach Zeugnissen hat enorm zugenommen», sagt Müller. Das liege auch an der wachsenden Zahl übergewichtiger Kinder: «Viele wollen sich vor dem Sport drücken.»
(…)
Ursprünglich hatten sie weniger die Drückeberger im Visier als jene, die tatsächlich ein Leiden haben.
(…)
Ganz wegbringen werde man das Problem der Drückeberger aber sicher nicht, sagt Zemp. «Simulanten wird es immer geben.»
Dazu einige Anmerkungen:
  1.  Gibt es mehr „Drückeberger“, weil es mehr übergewichtige Kinder gibt oder gibt es mehr übergewichtige Kinder, weil der Sportunterricht inadäquat ist?
  2. Sollte Ersteres der Fall sein, drängt sich die Frage auf, ob übergewichtige Kinder weniger gerne Sport treiben oder nur weniger gerne am Sportunterricht teilnehmen.
  3. Geht es darum, auf physische Einschränkungen einzugehen oder Kinder, die sich aus unbekannten Gründen entziehen möchten, irgendwie in den Unterricht zu befördern, sprich die Zahlen zu verbessern?
  4. Wieso fragt sich eigentlich keiner, warum die Kinder nicht in den Sportunterricht wollen?

Grundsätzlich ist das Vorhaben, den Sportunterricht zu reformieren und auf die Bedürfnisse und Einschränkungen der Schüler anzupassen, selbstverständlich lobenswert. Das in diesem Artikel beschriebene Vorgehen erscheint mir allerdings das Pferd von hinten aufzuzäumen. Die Frage sollte nicht sein, wie man „Ausreisser“ in ein System integriert, sondern welche Schwächen oder Mängel das System hat, dass es überhaupt so viele Ausreisser verursacht.

Viele Kinder hassen Mathe. Deswegen lassen sie sich noch lange nicht vom Unterricht befreien. Schon alleine, weil das nur schwer möglich wäre. Sport ist in vielerlei Hinsicht kein gewöhnliches Schulfach. Ständig wird neu beraten und entschieden, ob jetzt überhaupt Noten für sportliche Leistungen vergeben werden sollten, welchen athletischen Massstäben die Schüler entsprechen müssen, teilweise sogar, ob Sport ein abschlussrelevantes Fach sein soll.

Diese Unsicherheiten erhalten einen unproduktiven Zustand aufrecht, der den Schülern meiner Meinung nach mehr schadet als hilft.

Wie viele meiner Klassenkameraden habe ich auch ungern am Schulsport teilgenommen. Selbst zu der Zeit, als ich in meinem Volleyballteam Meisterschaften spielte und nicht grade ausser Form war. Die negativen Assoziationen, die ich  mit dem Thema Sport verband (und teilweise immer noch verbinde) haben mich lange davon abgehalten, freiwillig Sport zu treiben. Erst einige Jahre nach Abschluss der Matura habe ich begonnen, regelmässig und auch gerne zu schwimmen oder ins Krafttraining zu gehen. Und ich stehe damit nicht alleine da. Viele Leute in meinem Bekannten- und Freundeskreis haben erst in ihren Zwanzigern begonnen, sich wirklich mit dem Thema Sport anzufreunden und sich von unschönen Erinnerungen an ihre Schulzeit zu lösen. Mittlerweile kenne ich kaum mehr jemanden, der nicht regelmässig irgendeiner sportlichen Aktivität nachgeht, vor ein paar Jahren sah die Sache noch ganz anders aus.

Wenn der Sportunterricht in irgendeiner Form dem Anspruch genügen will, Schüler für ein aktives und gesundes Leben zu begeistern und dafür vorzubereiten, müssen sich folgende Dinge radikal ändern:

  • Didaktische und pädagogische Ansprüche an Lehrpersonen erhöhen. In keinem anderen Fach werden Schikane, Rumbrüllen und Spott in demselben Masse geduldet wie in der Turnhalle. Sportlehrer_Innen haben kein Recht, sich wie auf dem Schlachtfeld aufzuführen. Sie haben sich ausserdem um Probleme in der Gruppe zu kümmern. Wenn ich zählen müsste, wie oft gerade Turnlehrer sich während meiner Schulzeit geweigert haben, bei Brutalität im Spiel oder verbalem Mobbing einzugreifen, wie oft von ihnen irgendwelche Machosprüche über die Mens gemacht wurden, hätte ich länger zu tun.
  • Einseitigkeit vermeiden. Klar, es ist einfach, die Klasse im Zweifelsfall Fussball oder Hockey spielen zu lassen. Und ja, ich verstehe, dass es in Einzelstunden schwierig ist, was auf die Beine zu stellen, weil schlicht und ergreifend die Zeit fehlt. Aber mit diesen Probleme fertig zu werden ist die Aufgabe der Lehrperson. Gerade Sportarten, die auf Gewinn ausgelegt sind, bevorzugen immer wieder dieselben Fähigkeiten und damit dieselben Schüler. Durch das Wählen von Teams werden zudem soziale Hierarchien aufrechterhalten und immer wieder bestärkt. In 30 Minuten lässt sich genau so gut Yoga oder Pilates machen oder im Kraftraum arbeiten.
  • Theorie und Praxis stärken. Wie baut man Muskeln auf? Soll ich lieber Ausdauer- oder Kraftraining machen? Auf welche Faktoren muss ich achten, wenn ich mir eine Sportart aussuche? Wie lange sollte ich zwischen Trainingseinheiten pausieren? Das sind alles Fragen, die ich mir nach der Schulzeit mithilfe des Internets und sportlicher Freunde selber beantworten musste. Der Schulunterricht war dabei überhaupt keine Hilfe. Man verbringt Jahre damit, sich irgendwie zu betätigen und arbiträre sportliche Ziele zu erreichen und weiss sich hinterher doch nicht zu helfen. Das Ziel kann nicht sein, dass man die Kinder nötigt, sich einfach nach Gutdünken der jeweiligen Lehrperson für drei Stunden die Woche zu bewegen. Vielmehr sollte man den Schülern das nötige Wissen theoretischer und praktischer Art mitgeben, damit sie sich ausserhalb und auch nach der Schulzeit sicher und frei körperlich ertüchtigen können. Und genau dieses theoretische Wissen liesse sich wiederum gut abprüfen, so dass auch schwächere oder beeinträchtigte Kinder eine Möglichkeit haben, aktiv am Unterricht teilzunehmen.

Die Massnahmen des SVSS sind meiner Meinung nach ein Versuch, den Teufel mit dem Belzebub auszutreiben. Es kann nicht das Ziel sein, mehr Kinder in ein kaputtes System zu integrieren. Der Schulsport muss sich besser einpassen, um seine Existenz als Unterrichtsfach zu rechtfertigen.

ein Kommentar

  1. Du sprichst mir aus der Seele!
    Nicht der Sport selbst war das Problem, sondern dass es immer nur Spott und schlechte Noten hagelte, egal, wie viel Mühe ich mir gab. Als Vorletzte in die Mannschaft gewählt zu werrden, war auch nicht grad förderlich.
    Mathe war auch scheiße, aber wenn man ne Mathearbeit verhaut, bekommt das wenigstens keiner mit. In Sport versagt man immer so schön öffentlich. :/

    Gefällt 1 Person

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